Engagement ist ansteckend! Als eine Gruppe von Landwirten sich zusammenschließt, um ein Windrad zu bauen, ist Erich Wust so begeistert von dem Vorhaben, dass er 2005 in seiner Heimatgemeinde Markt Erlbach ebenfalls ein Windrad realisiert: in einer Bürgerinitiative mit 30 Bürgerinnen und Bürgern. Alles nebenberuflich, da Wust zu dieser Zeit für den Bayerischen Bauernverband landwirtschaftliche Betriebe in Sachen Steuerrecht betreut. Bald schon wird das Windradprojekt zur Initialzündung für sein Unternehmen: die Wust – Wind & Sonne GmbH & Co. KG. Denn das Bürgermodell weckt in den umliegenden Gemeinden Neugier, immer mehr Gruppen gehen auf Wust zu.
Er hat einen Nerv der Zeit getroffen: In den Nullerjahren – nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000, das die Einspeisung von Ökostrom attraktiv macht – wächst in der Gesellschaft das Interesse, die Energiewende mitzugestalten. Praktisch vor der Haustür und durchaus gewinnbringend eigenen Strom zu erzeugen. Von Anfang an wird Wust von seiner Tochter Nadine Paulus unterstützt. Das Geschäft läuft 2011 bereits so gut, dass beide ihre alten Jobs kündigen und sich Vollzeit der Windkraft und Photovoltaik (PV) widmen.
Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die circa 60 Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien betreuen: insgesamt um die 130 Windkraft- und 15 PV-Freiflächenanlagen. Alles im echten Bürgermodell umgesetzt, was bedeutet, dass sich vorrangig die Bürgerinnen und Bürger aus der Standortgemeinde finanziell beteiligen können. „Unser kleinstes Projekt hat sechs Gesellschafter, unser größtes 450. Wie viel Kommanditisten wir aufnehmen können, hängt auch von der Höhe des benötigten Eigenkapitals ab“, erklärt Paulus. Ab 5.000 Euro kann man sich anschließen, die Durchschnittsbeteiligung der Gesellschafter liegt bei 30.000 Euro.
Die Bürger mit ins Boot zu holen, ist uns wichtig
Nadine Paulus, ihr Mann Stefan und ihr Bruder Bernd Wust sind Erich Wusts Nachfolger im Betrieb. Der 66-Jährige ist aber immer noch im Unternehmen aktiv, hält Gesellschafterversammlungen ab und ist Ansprechpartner für steuerrechtliche Angelegenheiten. Dabei arbeiten ihm vier Bilanzbuchhalterinnen zu, die auch das Steuerthema von den Projektgesellschaften abwickeln.
Paulus begleitet die Wust – Wind & Sonne nun seit 20 Jahren: „Der Markt und die Anlagen haben sich stark entwickelt. Die Windkraftanlage, die wir 2005 errichtet haben, hat zwei Megawatt Nennleistung und produziert an die drei Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. Die Leistung unserer neuen Anlagen beträgt bis zu sechs Megawatt, sie produzieren zwischen zwölf Millionen und 14 Millionen Kilowattstunden!“ Zum Vergleich: Ein Vierpersonenhaushalt verbraucht in einem Haus im Durchschnitt 4.000 Kilowattstunden im Jahr. Während die alte Anlage ca. 750 Haushalte im Jahr versorgen kann, schaffen die neuen das Vier- bis fast Fünffache.
90 Prozent der vom Unternehmen gebauten Anlagen befinden sich im Umkreis von 100 Kilometern. Die Projekte werden von Wust – Wind & Sonne auch nach dem Bau kaufmännisch und technisch betreut. Darunter die Bürgerwindenergie Altdorf-Eismannsberg, mit zwei Bauabschnitten und der ersten Repowering-Aktion des Unternehmens. „Im Frühjahr 2020 haben sich 189 Bürger als Gesellschafter beteiligt. Wir haben rund dreieinhalb Millionen Euro Eigenkapital eingesammelt und das restliche Kapital – 13,6 Millionen – über Darlehen finanziert“, so Paulus.
Im Dezember 2020 und im Februar 2021 wurden zwei Windkraftanlagen auf der Eismannsberger Höhe in Betrieb genommen. Daneben stand noch eine defekte Anlage, die Wust – Wind & Sonne später erwarb. Das alte Windrad wurde gesprengt, auf dem freien Platz entstand ein neues, das in die Bürgergesellschaft einfloss. Dafür waren weitere Darlehen nötig.
„Unsere Hausbank, die Sparkasse Neustadt, informierte uns, dass die LfA mit dem Energiekredit Regenerativ eine spezielle Förderung mit günstigen Darlehenszinsen bietet. Die haben wir beantragt und bekommen“, sagt Paulus. Und ergänzt: „Diese Förderungen sind sehr wichtig, weil der Mittelstand sonst nicht die Möglichkeiten für eine im Bürgermodell darstellbare Finanzierung hat.“ Paulus sieht große Chancen im Bürgermodell: „Man muss zwar klein anfangen und das Modell bekannt machen, aber dann wächst dieses Pflänzchen stark.“ Und inspiriert andere vielleicht zum Nachmachen.